Die Werkbank des Alchemisten – oder der Goldschmiedetisch

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Die Werkbank des Alchemisten – oder der Goldschmiedetisch

Wer kostbarste Materialien wie Gold, Platin und Edelstein in aufwendigen und heiklen Prozessen verheiratet und damit zum Juwel veredelt, braucht neben handwerklichem Geschick und feinsinnigem Kunstverständnis zwei weitere entscheidende Zutaten: völlige Ruhe – und ein perfektes, an die individuellen Bedürfnisse und Gewohnheiten angepasstes Labor.

Im Falle des Goldschmieds ist das ein zierlicher, kleiner Tisch mit vielen Laden links und rechts und einer halbkreisförmigen Ausnehmung in der Tischplatte. Denn der Schmuckmacher sitzt nicht am, sondern gewissermaßen im Tisch.

Der Goldschmiedetisch ist der Ort, an dem die Magie passiert: Rundum befinden sich alle Gerätschaften und Werkzeuge in exakter Griffweite. Auch sie sind klein, fein und auf äußerste Präzision ausgerichtet. Auf dem Schoß des Goldschmieds, der mit Feuer, Hammer, Bohrer, Zange und Feile Metall und Stein bändigt, liegt das in der runden Ausnehmung befestigte sogenannte „Schoßfell“ aus Ziegenleder. Denn die Späne, die bei dieser Arbeit anfallen, sind Goldstaub, und auch Edelsteine sind durch das weiche Leder geschützt. Würde ein noch ungefasster Diamant aus der Hand gleiten und zu Boden fallen, so könnte auch der brechen oder sich spalten und die Unendlichkeit fände schließlich ein Ende.

Thomas Hausers Tisch ist aus Platanenholz exakt für seine Körpermaße gefertigt. Er gibt ihm die Sicherheit, seine Werkzeuge auch blind in Phasen höchster Konzentration greifen zu können. Der Schmuckmacher sitzt wie ein Organist am Instrument und bedient Register, Pedale, Tastaturen. So wie ein Musiker einen falschen Ton niemals zurücknehmen kann, so kann sich auch der Goldschmied keinen Fehler erlauben. Eine falsche Bewegung, und ein Stein zerspringt. Eine kurze Unachtsamkeit, und das bearbeitete Kleinod schmilzt in sich zusammen.

Das Herzstück des Tisches, sozusagen die Achse, um die sich das Geschehen dreht, ist jedoch im Vergleich zu den Feilen, den Zänglein, den Schublehren und all den anderen Präzisionsinstrumenten ganz unscheinbar, ja geradezu kunstlos schlicht: Es ist der Feilnagel aus Hartholz, direkt über dem Schoßfell montiert und so wichtig und intim für den Goldschmied wie das Mundstück für den Trompeter. Er ist die Auflagefläche für die Bearbeitung der Preziosen. Im Laufe der Zeit schleift er sich zu einer individuellen Miniaturlandschaft ab, die der Goldschmied so genau kennt, dass er jedes Tal, jeden Hügel nutzen kann.

Thomas Hauser sitzt an seinem Goldschmiedetisch auf einem sehr niedrigen Sessel, sodass er sich auf Augenhöhe mit dem Werkstück befindet: „Der Feilnagel und ich, wir bilden eine solide Einheit. Er ist der Erdungspunkt, auf ihm spielt sich alles ab, und wenn ich wieder einmal irgendwo an einem fremden Tisch arbeite, nehme ich ihn mit, wie ein Stück von mir, und bin so überall zuhause.“

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